Terremoto in Chile
Mir fehlen nach wie vor die Worte, ich stehe weiterhin ein wenig unter Schock und dennoch möchte ich einen Bericht schreiben für die vielen sorgenvollen Emails und Fragen, wie es uns geht. Zuerst einmal, es geht uns gut.
Wir sind tatsächlich mit einem Schrecken, Schock und ein paar blauen Flecken und niedrigem Kreislaufstatus davon gekommen. Aber wirklich toll ist ja, dass uns dreien nichts größeres passiert ist.
Ja, nun berichte ich hier einmal von vorne, wie sich das Erdbeben bei mir in Puerto Varas zugetragen hat. Helge war ja zum Glück zu der Zeit im Torres del Paine (noch weiter im Süden), wo er nichts vom Erdbeben gemerkt hat. Bei mir war in den Tagen vorher in Puerto Varas herrlichstes Sonnenwetter. Ich hatte jeden Tag am See kleinere Spaziergänge gemacht, den Blick auf den Vulkan Osorno genossen und ich war wohl auf.
Ein, zwei Tage vor dem Erdbeben ging es mir dann nicht mehr so gut. Ich war sorgenvoll, mein Kreislauf war schwach und ich habe mir auch einmal ein Taxi von einem der Spaziergänge zurück zu meiner Hospedaje genommen, da ich mich so schwach und unsicher fühlte. Außerdem war mir leicht übel und ich hatte ein komisches Gefühl. Am Freitag bin ich noch ins Krankenhaus gegangen, unruhig, unsicher, wollte einfach alles vor dem Wochenende abklären, ob es dem Baby gut geht. Naja, wer mich kennt, weiß, dass ich wirklich nicht gerne freiwillig zum Arzt oder ins Krankenhaus gehe und das das schon eine besondere Situation ist. Dort wurde CTG gemacht, Blutuntersuchungen, quasi wurde ich einmal auf den Kopf gestellt, aber alles war in Ordnung. Es war nicht schön, dieses zittrige Gefühl in mir, aber immerhin war ich beruhigt, dass es unserer Kleinen in meinem Bauch gut geht und so ging ich nach „Hause”, habe noch etwas gegessen, geskypt und bin dann so gegen 23 Uhr Ortszeit eingeschlafen. Nachts gegen 3 Uhr oder so…also, kurz vor dem Erdbeben wurde ich geweckt, es hatte geklingelt, ein paar Leute waren von einer Party zurück gekommen - ziemlich laut - und so drehte ich mich nochmal um und dachte, ich schlafe gleich wieder ein. Stattdessen fing es auf einmal an, zu beben, die Erde und alles um mich herum bewegte sich. Das ganze Haus wackelte und das Holz knartschte, ich setzte mich im Bett auf, hörte draußen auf dem Flur die Leute unruhig rufen „rapido,rapido”, was soviel wie „schnell, schnell” bedeutet…. ich wollte Licht anschalten, merkte aber, daß es nicht ging, die Türrahmen bewegten sich und alles um mich herum. Ich fand meine Schuhe in der Dunkelheit nicht mehr, aber das war dann auch egal, gepackt vom Fluchtinstinkt, bin ich dann mit allen anderen Gästen hier, die Treppe vom ersten Stockwerk hinunter gelaufen. Sachen fielen von der Decke, ein Ofenrohr fiel mir vor die Fuesse, die Treppe und alles bewegte sich. Zum Glück haben sich die Leute diszipliniert verhalten und so sind alle rechtzeitig ins Erdgeschoss und auf die Straße gekommen. Ja, da stand ich dann mit vielen anderen Leuten auf der Straße, Barfuß, mit nem Nachthemd, dickem Bauch und im 7.Monat schwanger. Meine Tasche mit Pass und Babyunterlagen hatte ich noch mitgenommen in dem Stress. Ich zitterte am ganzen Leib, vor Schreck, vor Kälte. Die Leute um mich herum waren sofort rührend, ich bekam von irgend woher eine Decke, man brachte mir später sogar einen Tee und so verbrachte ich mit mehreren Leuten die Nacht mit folgenden Nachbeben auf der Straße. Das Gefühl eines Erdbebens dieser Stärke lässt sich nicht wirklich beschreiben. Der Boden schiebt, springt, alles bebt und wackelt und ist nicht an seinem Platz und der Boden wird einem förmlich unter den Füssen weggezogen, der Halt ist weg und man hat einfach nur schreckliche Angst. Schlimm war das. Die Alarmsirenen heulten und nach dem ersten großen Beben war Stille. Nichts, keine Nachricht, kein Licht, keiner wusste, mit welchem Ausmaß zu rechnen war, keine Nachricht vom Epizentrum, alle Leitungen und Handys waren unterbrochen. Die erste Möglichkeit war, im laufenden Auto Radio zu hören. Ich wurde gefragt, ob ich unseren Bus anschmeißen könnte, damit wir Nachrichten empfangen können. Es war aber noch eine Frau mit einem Auto da, wo wir dann letztendlich Radio empfangen konnten. Das Epizentrum lag bei Conception und das heftiges Beben hat sogar noch in Santiago vieles zerstört, erfuhren wir. Das Erdbeben wurde mit einer Richterskala von 8,8 angegeben. Hier in Puerto Varas sollen es 6, laut Einheimischen spürbare 7 gewesen sein. Ist ja auch egal, mir hat es auf jeden Fall gereicht. Die ersten Nachrichten von Toten, Verletzten, Schäden, vermissten Familienangehörigen drangen zu uns durch. Viele bangten und konnten niemanden erreichen. Erst 8 Stunden nach dem Hauptbeben hatten wir wieder Strom und ich konnte Gott sei dank und dank Internet eine Nachricht an meine Mutter übermitteln, dass es uns gut ging. Auch konnte ich Kontakt haben zu Freunden und Familie und sogar Skypen, was schon sehr beruhigend für mich war. Viele schweben heute noch in der Ungewissheit um das Ergehen ihrer Angehörigen, lähmende, schreckliche Zustände. Leider hatte ich keine Nachricht von Helge. Das war meine größte Sorge zu dem Zeitpunkt. Ich hatte noch keine Ahnung über das Ausmaß des Erdbebens und wusste nicht, ob es bis tief in den Süden hineinreichte.
Zum Glück wurde das Verbindungsnetzwerk von Familien, Freunden, Verwandten, in kürzester Zeit aufgebaut, emails und Nachrichten weitergeleitet, um uns alle Chancen der Kommunikation zu bieten. So konnte ich dann abends, am nächsten Tag von Helge eine email erhalten, dass es ihm gut ginge. Seit dem Hauptbeben erschütterten hier immer wieder kleinere Nachbeben das Haus. Es ist anscheinend eine stabile, flexible Holzkonstruktion, windschief, 135 Jahre alt und hat jetzt schon zwei grosse Erdbeben überstanden - eine leichte Beruhigung… dennoch waren die folgenden Tage die Türen aller Bewohner des Hauses geöffnet, die Menschen rückten näher zusammen, alle saßen gemeinsam vor dem Fernseher, um die Nachrichten zu verfolgen. Mein Laptop war heiß begehrt, um über mail, Facebook oder Internet Vermisstenanzeigen aufzugebenlos. Ich bin in den Nächten dann in ein anderes Zimmer mit anderen Frauen aus Concepcion und Santiago gezogen. Sie haben mir das angeboten und ich war einfach nur froh, nicht alleine sein zu müssen. Ich verteilte meine Tavortabletten, ein Beruhigungsmedikament, die mir eine liebe Freundin noch vor unserer Reise mit den Worten mitgegeben hatte…”wenn ich eine Weltreise machen würde, dürfte Tavor nicht im Gepäck fehlen…”. Leider konnte ich das aufgrund der Schwangerschaft nicht nehmen. Die Leute waren dankbar, da einige in Panik verfallen waren, da sie keine Nachricht von ihre Familien bekamen oder ihre Häuser in Schutt und Asche lagen. Aber das Schlimmste war die Ungewissheit um das Wohlergehen ihrer Lieben.
Mir ging es den Umständen entsprechend gut, ich hatte an den Armen von der Großbebennacht lauter blaue Flecken. Kann mich aber an nichts erinnern… wahrscheinlich haben mich irgendwelche Leute noch festgehalten und gestützt, ich habe mich geprellt, gestoßen…wer weiß… Hauptsache, es ist sonst nichts passiert und dem Baby geht es gut. Die Kleine in meinem Bauch war natürlich sehr unruhig, hat den ganzen Stress wohl sehr gespürt und hat gestrampelt wie verrückt. Die kommenden Tage waren lähmende Stille, enges Zusammenrücken, hoffen auf Nachrichten und viel Konversationen. Helge und ich haben geskyped, gechattet und er wollte natürlich so schnell es ging, zu mir zurück kommen. Aber es ist auch weiterhin im ganzen Land Ausnahmezustand und die Flughäfen waren im kompletten Land für zwei Tage geschlossen. Die Schlangen der Menschen, die auf eine Reisemöglichkeit warten, sind lang, bis zu 100Metern waren es in Punta Arenas vor den Büros der Airlines. Leider hatte ich am Montag dann noch einen Kreislaufzusammenbruch, als ich mir Wasser im Supermarkt kaufen wollte. Es war wohl alles zuviel auf einmal, der Stress, die Nerven, im 7.Monat schwanger und das Warten auf Helge. Zum Glück bin ich umgeben von rührenden Menschen. Meine Herbergsmutti, Senora. Mirtha, hat mich sofort aus dem Krankenhaus abgeholt, als es mir etwas besser ging. Dann waren da noch zwei deutsche Mädels auf Weltreise in unserer Herberge, die sich ebenfalls rührend um mich gekümmert haben. Hier ist ein Link zum Reiseblog der beiden: JuliaundKatjasBlog
Ich schone mich momentan sehr viel, liege im Bett, Füsse hoch und nehme alle Hilfe dankend an. Gestern, am Dienstag hat Helge dann einen Flug zurück nach Puerto Montt bekommen und wir überlegen nun, wie es weiter geht. In vielen Gebieten Chiles ist für über 30 Tage Ausnahmezustand verhängt worden. Wahrscheinlich werden wir hier noch ein wenig bleiben, bis sich die Lage etwas beruhigt hat, um dann Richtung Santiago zu fahren, wo wir uns ja schon eine Wohnung reserviert haben.
Nun ist unser Blog ein wenig durcheinander geraten, aber wen stört’s, schließlich steht das ganze Land Kopf. Helge wird dann bestimmt auch nochmal berichten, wie seine Tour in Patagoniens Süden war. Leider kann man so eine Katastrophe ja nicht vorhersehen und das dies nun ausgerechnet in den 2 Wochen passierte, wo wir von einander getrennt waren konnten wir nicht wissen. Naja, aber wir sind mit einem großen Schrecken davon gekommen und denken auch an die vielen Menschen, die soviel Leid ertragen müssen. Leider ist es schwierig, für uns zu helfen, wenn man selber im 7. Monat schwanger ist und gerade etwas schwach auf den Beinen.
An dieser Stelle noch einmal vielen Dank für alle Hilfe, Kontakte, Nachfragen und Unterstützung von Familien, Freunden und Bekannten und teilweise auch Unbekannten, die sich meiner einfach angenommen haben und mir etwas Halt gegeben haben, damit ich diese Zeit durchstehen konnte.
Donnerstag 4. März 2010 um 08:25
Wir waren ja Gott sei Dank relativ bald in Kontakt, aber wenn ich das so lese packt mich sofort wieder der Horror, aber auch Dank, daß es euch gut geht. Mal sehen, ob mein längst gebuchter Air France Flug am 15.3. in Santiago landen kann. Aber Hilfslandungen haben natürlich erste Priorität und ich weiß jetzt, daß unsre liebe Tatjana und das erste Enkelkindchen von Helge gut umsorgt werden.
Jedenfalls hoffe ich auf ein baldiges gesundes Wiedersehen, wo auch immer.
In Gedanken immer bei euch
herzlichst
Gudrun
Donnerstag 4. März 2010 um 21:56
Mensch Tatjana und Helge,
Das sind ja wirklich wilde Stories. Wir haben das hier in der Presse und sogar per YouTube verfolgt und die grossen Staedte scheinen teilweise schwer mitgenommen. Es hoert sich so an, als ob Eure Kleinstadt noch so halbwegs gut davongekommen ist. Ist es dort nicht sicherer als in der Hauptstadt? Wie das KH dort ist, vermag ich natuerlich nicht zu beurteilen, aber zumindest scheint es noch zu stehen. Aber Ihr koennt das vor Ort sicher am besten beurteilen. Wenn Ihr irgend etwas aus England braucht, lasst uns das wissen. Heiner und Diane
Freitag 5. März 2010 um 23:23
Liebe Tatjana,lieber Helge,auch ich bin etwas erleichtert aber auch besorgt,wie es für Euch drei nun am besten weiter gehen kann.Auf alle Fälle werdet Ihr sicher ein ganz besonderes Kindchen bekommen!Du,liebe Tatjana hast Dir eine Tapferkeitsmedaille verdient,so dass Du Dich ganz genüsslich jetzt verwöhnen lassen kannst.Hoffentlich macht Euch das heutige Beben nichts,von dem ich in den Nachrichten gehört habe.
Morgen ist Sarahs Geburtstag in tiefem Neuschnee,nachdem wir schon einige Frühlingstage mit Vogelgezwitscher und Blümchen genießen konnten - auch irgendwie verdreht.Euch alles Liebe,gute Gesundheit,gute Entscheidungen,gute Nerven und was ihr sonst noch gebrauchen könnt,mit ganz lieben Grüßen von Brigitte
Samstag 6. März 2010 um 00:31
Tatjana und lieber Helge wir sind froh und erleichtert, dass es Euch gut geht und das Helge zurück ist. Wir wünscehen euch trotzallem noch Freude an eure Reise. Mit der Wohnung ist eine gute Sache eine Weile im Ruhe in einem ort bleiben vielleicht kommen wir Euch besuchen. mit ganz lieben Grüssen aus dem vershneiten Hamburg. Farah + Guido
Sonntag 7. März 2010 um 06:10
HELLO TATJANA, I AM HERE IN INDIA , READ MY BLOG ON MY FACE BOOK SITE FOR MAITREYISM ABOUT THE LIVING CONDITIONS IN BODHGAYA INDIA, MAKE A REPORT THROUGH THIS BLOG ON CONDITIONS THERE AS PEOPLE WILL BE HORRIFIED AND NEED TO KNOW SO THAT THEY CAN ACT BY THEM SELVES, OUTSIDE THE CHARITY AND GOVERMENT STRUCTURES WHICH ARE HINDERING THE TRUE HELP THAT IS NEEDED READ MY REPORTS OF FACE BOOK, LOVE, LIGHT AND POWER , CHRISTOPHER : SPIRAL MAHAMAITREYA POP STAR GURU.
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Sonntag 7. März 2010 um 06:12
I’M A TIBETAN BUDDHIST MONK NOW, AND AM TEACHING ENGLISH TO A TIBETAN MONK, ALSO PROVIDING STREET ENTERTAINMENT THROUGH MY TILL EULENSPIEGEL TOUR OF INDIA 2010.
CHRISTOPHER : LAMA MAITREYA.
Montag 8. März 2010 um 20:21
Liebe Tatjana, Lieber Helge…puhhhh, euren Bericht las ich mit Schweißperlen auf der Stirn. Mein lieber Scholli! Aber ihr macht das beste daraus und ich glaube, alle Schutzengel sind ohnehin schon bei euch versammelt! Ich muß gestehen, ich war in den letzten 2 Wochen durch Jesse mal wieder so lahmgelegt und in einem vollendeten Müdigkeitsdelirium versackt, so daß ich von dem ganzen Erdbeben überhaupt erst am Montag von Sabine erfahren habe. Mensch! Dicke Grüße von Meike, auch von Martin, mit dem ich gestern Tatort geschaut habe, und Jesse
Dienstag 9. März 2010 um 12:23
Liebe Tatjana,nach einer kurzen Mutter-Oma-Weiterbildung bei Julia möchte ich Dir unbedingt nochmal ein ausführliches Blutbild dringend empfehlen,weil in Schwangerschaften sehr häufig Eisen-und Folsäuremangel auftritt - Deine Symptome lassen darauf schließen.Außerdem kommt es ja vor,dass Ärzte auf sich selbst weniger achten als auf ihre Patienten!!!Ich hoffe,Du wertest diese Mail als Sorge und Fürsorge!!!Nichts für Ungut-ganz viele liebe Tantengrüße und gute Wünsche für Eure Weiterreise und Ankunft! Eure Brigitte
Sonntag 14. März 2010 um 00:34
Ihr Lieben Drei,
erst heute kann ich Euren Blog oeffnen und alles scheint auf dem Wege der Normalisierung nach der grossen Katastrophe. Ja, Ihr habt Recht : ausser blauen Flecken und einer tuechtigen Erschuetterung in den Grundfesten unseres Seins scheinen wir noch einmal davon gekommen zu sein : Du bereitest vor mir einen Tisch im Angesicht meiner Feinde , Du salbest mein Haupt mit Oel und schenkest mir voll ein !
Und heute erscheinen nun wieder Bilder im blog von unbewachten carparks und assiados , guten Appetit.
Wir sehr bin ich dankbar, dass es so ausging wie es ausging. Finde auch enorm, wer alles und was hier Kommentare Euch an die Seite stellt.
Immer Euer Dirk und Papa
Caxamalca/Peru
Freitag 19. März 2010 um 12:51
Nachdem wir in Ahrensburg und Lüneburg mitgebangt haben und uns immer wieder von Gudrun haben bestätigen lassen, dass Ihr wohlauf seid - und mit Helges Rückkehr Ihr ENDLICH wieder zusammen seid, möchte ich Euch jetzt einfach nur einen Gruß schicken - und besonders natürlich Dir, Tatjana, wünschen, dass die nächsten Wochen gut verlaufen mögen.
Gewiß ist es auch ein gutes Gefühl, Mutter und bald auch den Papa in der Nähe zu wissen.
Grüße aus dem frühlingshaften Deutschland ins herbstliche (?) Chile.
Jörg&Christiane
Freitag 19. März 2010 um 22:39
…nun bin ich auch zurück von meiner Reise und grad sehr gecshockt von DEinem Bericht. Ich war froh, als Du mir gemailt hast, dass es Euch gut geht. Gott sei Dank!! Auf den Philippinen haben wir wegen der Tsunamiwranung nichts abbegkommen.
Bitte pass weiterhin gut auch Dich und Euch auf!!!!
Bussi jana