Durch die patagonischen Kanäle
Nachdem wir in Puerto Varas für Tatjana eine annehmbare Unterkunft gefunden hatten (dies war gar nicht so einfach, da Puerto Varas ziemlich teuer ist), konnte ich mich beruhigt auf meine Schiffsreise von Puerto Montt nach Puerto Natales begeben. Was für einen glücklichen Treffer wir mit der Residencial Hellwig getroffen hatten, wurde uns erst recht nach dem Erdbeben bewußt.
Nach dem Boarding auf der Ferry Evangelistas und dem Beziehen der Kabinen, bzw. in meinem Fall war es nur ein Stockbett (die günstigste Variante), gab es für alle Passagiere eine Sicherheitseinweisung. Danach haben die meisten Passagiere bei immer schöner werdenden Wetter auf dem Oberdeck gewartet, dass die Fähre ablegt. Auf dem Schiff hat man sich schnell zurecht gefunden. Die Bereiche, die für die Passagiere zugänglich waren, sind sehr überschaubar gewesen. Es gibt drei Decks, welche den Passagieren zur Verfügung stehen. Auf dem Upperdeck gab es einen Pub mit gemütlichen Sitzgelegenheiten und einer kleinen Bar, auf dem Bridgedeck war der Speisesaal, die Brücke und die teureren Kabinen untergebracht und darunter, auf dem Boatdeck waren die günstigeren Kabinen und Stockbetten verteilt. Mit vier Stunden Verspätung legte die Fähre dann endlich gegen 21.00 ab.
Es wurde langsam dunkel, als wir aus der Bucht von Puerto Montt ausliefen und sobald die Lichter der Hafenstadt hinter uns verblassten, verzog ich mich mit einem Glas Wein und einem Buch in den Pub. Das Wetter war ruhig und so gab es in dieser Nacht bei der Überquerung des Golfo de Ancud auch nicht viel Geschaukel. Ganz angenehm war, dass das Schiff nicht voll ausgebucht war, denn in dem schmalen Gang, in dem die günstigeren Schlafmöglichkeiten untergebracht waren, wurde es doch schnell eng. Abends, nachdem man in seine Koje gekrochen war, zog man als Sichtschutz dann einfach die Gardine vor’s der Koje zusammen. An Bord gab es drei Mahlzeiten: Frühstück, Mittag und Abendbrot - die beiden letzteren warm. Das Essen war gut und im Preis inbegriffen. Vormittags und Nachmittags gab es an den drei Tagen kleine Präsentationen über die Tagesroute, die Fauna und Flora in den patagonischen Kanälen und dem Nationalpark Torres del Paine. Alle Vorführungen wurden auf Spanisch und Englisch abgehalten. Die Durchsagen wurden Dank einer deutschen Praktikantin bei der Reederei Navimag, auch noch auf deutsch ausgerufen.
Am ersten Tag hatten wir wunderbares Sonnenwetter, so dass die meisten Passagiere sich im Freien aufhielten. In windgeschützten Ecken konnte man herrlich lesen und die Andenkordillere an sich vorbei ziehen lassen. Die Kanäle zwischen den Inseln, mit immergrünem Wald bewachsen, wurden langsam enger und
abends fuhren wir aus dem Inselwirwar hinaus auf den offenen Pazifik. Ab und zu bekamen wir einen Seelöwen oder Delphin zu Gesicht - Wale sollten ich auf der Fahrt aber leider nicht zu sehen bekommen. Über Nacht überquerten wir den gefürchteten Golfo de Penas (Golf der Qualen). Auf diesem stürmischen Abschnitt kenterten schon viele Schiffe, die das Meer für immer verschluckte. Wir hatten Glück bei der Überquerung. Es wehte nämlich kein Lüftchen. Als ich morgens um 7.30 auf dem Deck stand, war das Meer spiegelglatt und ein Besatzungsmitglied erzählte mir, dass er seit drei Jahren diese Route zweimal die Woche fährt und er den Golf noch kein Mal so ruhig erlebt hatte. Hinter dem Golfo de Penas öffneten sich wieder die ruhigen Kanäle Patagoniens. Der Baumbestand auf den Bergen wurde immer lichter und des öfteren war einfach nur noch der nackte glatte Fels zu sehen. In dieser Einsamkeit überholten wir ein Segelschiff mit einer fünfköpfigen Familie, welche den gleichen Kurs hatten wie wir. Ganz schön mutig in dieser stürmischen und abgelegenen Gegend, Tagesreisen entfernt von jeglicher Zivilisation unterwegs zu sein. Zur Begrüßung gab es ein kleines gegenseitiges Hupkonzert. Kurz danach passierten wir ein altes rostiges Wrack. Das Wetter wurde zunehmends windiger und es gab immer wieder kleine Schauer zwischendurch. In diesem unwirtlichen Teil der Erde lebten bis zur Ankunft des weissen Mannes Indianer. Unglaublich wie zwischen diesen Felsen Menschen leben konnten, wo nicht einmal eine Frucht gedeiht.
Der Höhepunkt des zweiten Tag war, der Besuch des grössten Gletschers der Südhalbkugel, außerhalb der Antarktis. Der nach Papst Pius XI benannte Gletscher ist 6km breit und die Abbruchkante bis zu 75m hoch. Aus dem Ursprungsgebiet, dem Campo de Hielo Sur erstreckt er sich 6km, bis er in einen Fjord mündet. Bei der Anfahrt zum Gletscher wehte uns ein eisiger Wind entgegen. Es regnete zum Glück gerade nicht, aber der Himmel war mit einer tief hängenden grauen Wolkenschicht verdeckt und die Luft war ein bisschen diesig. Zuerst stand es nicht fest, ob wir diesen Abstecher noch machen würden, da wir mit einer 4-stündigen Verspätung abgelegt hatten. Doch aufgrund des ruhigen Wetters, welches wir bis dahin hatten und der Zeit, die wir dadurch wieder gut machten, kamen alle noch zu diesem tollen Erlebnis. Die Passagiere waren bei der Anfahrt alle mit Kameras bewaffnet an Deck gekommen. Sogar einige von der Besatzung waren an Deck zu sehen, um sich den Gletscher anzusehen. Sie machten ihre Witze über die Leute, die auf der Suche nach dem besten Platz zum Fotografieren über ihre eigenen Füße stolperten. Nachdem wir eine halbe Stunde an der gewaltigen Gletscherkante entlang glitten, drehte das Schiff langsam ab und das bläulich schimmernde Eis des vieltausendjährigen Kolosses verschwand hinter uns im dunkeln. Alles hatte sich wieder ins Innere des Schiffes begeben. Entweder in den Pup oder ein Deck tiefer, wo ab 22.00 ein Film auf einer kleinen Leinwand gezeigt wurde.
Am letzten und dritten Tag der Schiffsreise war das Wetter richtig ungemütlich. Manchmal kam noch die Sonne durch, aber zum größten Teil war es feucht und diesig. Zum Glück kam der sehr starke Wind von hinten und schob das Schiff kräftig mit auf seinem Kurs. Vor Puerto Natales passierten wir die engste Stelle auf der Route. Rechts und links waren es nur jeweils 20 Meter bis zu den Felswänden. Die Berge ringsherum waren nur noch teilweise mit Gras und Moosen bedeckt und auf den Gipfeln lag der ewige Schnee. Montag kamen wir dann mit 2 Stunden Verspätung in Puerto Natales an. Die Verspätung bescherte uns noch ein zusätzliches Mittagessen an Bord.
Mittwoch 5. Mai 2010 um 01:11
Toller und sehr anschaulicher Bericht mit eindrucksvollen Bildern
Dirk