Indonesien 2005

Famulatur in Semarang auf Java (Tatjana)

Ankunft in Indonesien und Anreise nach Semarang

Ich landete in Jakarta… suchte mir erst mal eine Unterkunft nach langem Flug und erkundete dann noch etwas die Gegend. Und es war mir bald klar, dass ich als allein shop (Small).jpgreisende Frau unter ständiger Beobachtung stand. Ich kam dann nach ein paar Stunden zurück in meine Unterkunft und auf der Strasse wurde ich von mir nicht bekannten Leuten mit meinem Namen angesprochen - ein unheimliches und komisches Gefühl.
Am kommenden Tag wollte ich mich dann mit der Bahn, Richtung Semarang mit Zwischenstopp in Cirebon auf den Weg machen. Ich besorgte mir am folgenden Tag ein Bahnticket, dann ab in die Bahn….Überall wurde ich angesehen, angesprochen, man zeigte mit dem Finger auf mich, freundliches Zulächeln, aber auch skeptische Blicke. Die Bahnfahrt eskalierte irgendwann.

Es waren fast nur Männer in der Bahn. Die Frauen, die unterwegs waren, waren eingebettet in Familien und Angehörige. Ich wurde so viel angesprochen, die Sprachbarriere von Bahasa Indonesia und meinen Sprachmöglichkeiten wurde ignoriert.
Die Männer kamen mir zu nah. Es war mir alles zu viel nach einem langen Flug und dann dieser Kulturschock, obwohl ich das ja aus anderen Ländern kannte. So stellte ich mich ans Klo, wo es wirklich kaum ertragbar war. Die ganzen Fäkalien fanden keinen adäquaten Abfluss, aber ich dachte, dass ich da wenigstens meine Ruhe finden würde. Aber dem war nicht so. Zig Männer- trotz Walkman, um zu zeigen, dass ich kein Interesse an einer Konversation habe- rückten mir auf die Pelle. Es war für mich zu dem Zeitpunkt unerträglich.- Bis ich vor Verzweiflung weinen musste.
Das hat wohl eine Frau im Vorbeigehen gesehen und hat den Security-Dienst gerufen. So kam dann irgendwann ein vollbewaffneter Polizist mit einem Riesen-Gewehr zu mir und fragte, was denn los sei.

Er konnte kaum Englisch, sah aber, dass ich total verzweifelt und verheult war, schickte alle Männer weg und sagte, dass ich mit ihm kommen solle. Was ich dann auch tat. So saß ich bald in einem Abteil für die Zugbegleitung, sie fragten mich aus, wo ich hin wolle und wieso, erzählten mir, dass hier in Java die Züge sehr oft überfallen werden würden. Darum auch die bewaffnete Zugbegleitung. Sie versuchten, mich zum Lachen zu bringen, obwohl ich einfach nur noch ankommen wollte. Sie waren sehr nett, und letztendlich wurde ich mit einem bewaffneten Escort, von einem bewaffneten Securityguard der Bahn und einer lieben weiblichen Zugbegleiterin direkt vom Bahnhof Semarang ins Citarum Hospital begleitet. So kam ich dort an, wo ich meine Famulatur machen wollte.

Panti Wilasa Citarum Hospital

In diesem Krankenhaus wurde ich sehr herzlich begrüßt und aufgenommen. Es führte mich gleich ein Angestellter zu meiner Unterkunft, die wirklich sehr gross war. citarumaussen (Small).jpgKüche, 2 Zimmer mit AC, Aufenthaltsraum, Bad, Fernseher… etc. alles auf dem Klinikgelände. Dort nahm ich erst mal eine Dusche und schon gab es einen Anruf vom Chefarzt, der mich herzlich willkommen hieß und mich für den Abend einlud, mit ihm und seiner Frau auf ein Festival in Semarang zu gehen. So hatte ich direkt was vor. Und sah an dem Abend Semarang in Feststimmung und musste die krossen Froschschenkel, welche eine Spezialität sind und die mein Chefarzt mit seiner Frau genüsslich gegessen hat, dankend ablehnen. Er und seine Frau haben schmunzelnd mein Ablehnen registriert.

Diese Nacht habe ich dann tief und fest geschlafen. Die folgenden Tage waren sehr eindrucksvoll. Ich wurde überall eingebunden, vorgestellt, jeder wollte mich mal sehen und kennen lernen. Und so war mir bald klar, dass ich sprachlich ganz alleine stand. Außer dem Chef, Dr. Daniel, konnte kaum jemand Englisch sprechen, obwohl die offizielle Landessprache Englisch ist und Semarang die 3. größte Stadt auf Java ist.- Ich wurde eines bessern belehrt. Zudem war ich die Attraktion als „Weiße”. Überall wurde ich angelächelt und lächelte auch zurück. Am dritten Abend kam ich heulend nach Hause und merkte dann, dass ich von meiner Mentalität her nicht den ganzen Tag nur Lächeln kann. Es war für mich alles einfach nurschwestern (Small).jpg anstrengend, obwohl mir alle nur gutes wollten. So lernte ich relativ schnell basics in „Bahasa Indoesia”, einfach, um mich zurechtzufinden. Zu erfahren, wann eine Sectio im „Kamar operasi”- operationssaal - statt fand, oder wieder ein Autounfall versorgt werden musste.

Die hygienischen Bedingungen sind mit deutschen Verhältnissen nicht vergleichbar. Desinfektion und Einmalhandschuhe gab es kaum. Die Handschuhe waren aus Stoff, wurden gewaschen und im staubigen Hinterhof des Krankenhauses aufgehängt zum trocknen, um dann wieder Verwendung beim nächsten Patienten zu finden. Die „sterilen” Bauchtücher für die OP`s wurden von den OP-Schwestern beim Frühstück mit Krupuk (Gebäck) und Fisch und weiteren Gerichten unsteril zusammengefaltet.

Dr.wheedy (Small).jpgDr. Wheedy war die HIV- Beauftragte in Panti Wilasa Citarum Hospital und in Gesprächen mit ihr wurde deutlich, dass auch unter den Ärzten in Indonesien noch viel Unsicherheiten im Umgang mit HIV-Erkrankten besteht. Auch sei die Dunkelziffer für HIV Infizierte Menschen in Indonesien erschreckend hoch. Das liege auch viel an der Kultur und Mentalität der Menschen, erklärte mir Wheedy. Es waren für mich viele sehr interessante Gespräche, die teilweise mit bruchstückhaften Sprachfetzen in Englisch, meinem Bahasa Indonesia, Dictionary und Händen und Füßen geführt wurden - und wenn nichts mehr half, wurde Suko hinzu gerufen. Zu Suko erzähle ich später noch etwas mehr.

Ich durfte ganz viele Platzwunden nach Unfällen im Verkehr nach vorheriger Gabe von Lokalanästhesie nähen und versorgen. Eine fürDR.Daniel (Small).jpg mich sehr gute Erfahrung. Und die Patienten waren wahrscheinlich durch meine Hautfarbe sehr beeindruckt. Und ich war beeindruckt von diesen ganz anderen Bedingungen im Krankenhaus. Dr. Lydia war sehr gut in der Notfallversorgung und ließ mich sehr viel praktisch machen und hatte großes Vertrauen in mich. Das gab mir Sicherheit und so konnte ich dort auch sehr viel lernen.

Eine Woche im Citarum- Hospital

Jeder Tag wurde begonnen mit einer Andacht. Es ist ein christliches Krankenhaus. Indonesien selber hat die meisten Moslems der Welt, so sind die Christen dort in der Minderheit. Es kamen jeden morgen alle Schwestern und Schwesternschülerinnen, Ärzte, Ärztinnen, und Angestellte in dem Krankenhaus um 7.00 Uhr morgens zur Andacht. Ich habe sehr wenig verstanden aufgrund der sprachlichen Barriere, obwohl sich Dr.lydia (Small).jpgalle sehr bemüht haben, mir so viel es geht, verständlich zu machen. Häufig hielt der Chefarzt, Dr. Daniel, noch eine Ansprache, um Mut zu machen für den Tag. Es wurde gesungen und Mitteilungen gemacht. Und anschließend gingen alle in Ihre Abteilungen.

Direkt in der ersten Woche bin ich gleich beim Rettungsdienst mitgenommen worden, der vor Ort bei dem Fetsival in Semarang seincitarum (Small).jpg sollte. So konnte ich viel von Semarang sehen, die Tempel bestaunen und 24h- Marathon-Tänzer bewundern. Die Kinder waren kaum von mir weg zu kriegen und es stand immer jemand neben mir, da mich alle immer anfassen wollten.

Es gab kaum Notfälle, wobei gesagt werden muß, dass wir aber unseren Einsatz erst zu Beginn der 24h-Tänze hatten und die Ärzte sagten, dass es gegen Ende des Marathons mehr zu tun gäbe.
Mich interessierte zu dem Zeitpunkt die Gynäkologie. So wurde ich zu jeder Sectio und jeder Entbindung gerufen, um dabei zu sein, suko (Small).jpgund ggf. mitzuhelfen. Was mich dort sehr erstaunt hat, war, dass ich keine Frau jemals habe stöhnen oder schreien hören. Alle haben ihre Zähne “zusammen gebissen”. Eine Verhaltensdifferenz, die ich imtupfer (Small).jpg Vergleich zu Entbindungsstationen in Deutschland feststellen durfte. Ich durfte sogar bei natürlicher Steißlage - Entbindung teilnehmen. Für mich sehr spannend. Steißlage heißt auf Bahasa Indonesia „ Sangsung”.

Suko, der Angestellte an der Rezeption und Information des Krankenhauses war der einzige, der gut Englisch sprechen konnte und meine Rettung, um im Alltag zurechtzukommen. Er war immer sehr freundlich und zuvorkommend. So wurde er auch hinzugezogen, wenn es um fachliche Übersetzung bei Geburtsvorgängen ging. Der arme Mensch, er war zuvor noch bei keiner Entbindung dabei, wurde dann von der Rezeption geholt, um mir bei einer „Sangsung”- Entbindung mit einer Gynäkologischen Choriffee - direkt die Griffe oberschwesterkazi (Small).jpgund Entbindungsschritte zu übersetzen. Es war eine komische Situation, da Suko (mein Übersetzer) immer blasser wurde und ich einfach nur fasziniert war. Naja, er hat danach - genau wie vorher - wieder gelächelt und war einfach immer für mich da, wenn ich sprachlich nicht zu recht kam.

Freitags gab es immer Mitarbeitersport, direkt morgens nach der Andacht. Da haben alle teilgenommen, die wollten. Ärzte, Schwestern, Angestellte. Ich habe auch mitgemacht, es war schon sehr früh - so früh habe ich glaube ich noch nie Sport gemacht - aber insgesamt eine tolle Veranstaltung. Eine Vorturnerin in Fitnessdress in schrillen Farben tanzte zu Indonesischer Popmusik vor und das ganze Krankenhauspersonal tanzte mit / und nach. So war schnell Stimmung in dem Raum zu früher Stunde. Und es war ein guter Einstieg ins Wochenende.

Semarang and Around

Am Wochenende habe ich dann verschiedene Ausflüge unternommen. So war ich ein Wochenende auf dem Dieng-Plateau . Ein Wochenende in Yogjakarta und eines vorbromon (Small).jpg dieng2 (Small).jpgOrt, um mir die Stadt anzusehen.
Es waren für mich sehr interessante Ausflüge, wobei ich aber im nach hinein sagen muß, dass alle Reisen auf Java als Frau allein eher mit Stress verbunden waren. Trotzdem habe ich die Zeit sehr genossen und die Bilder in mich aufgesogen, nette Leute kennen gelernt, wunderschöne Dinge gesehen und die Freiheiten der Frauen in Deutschland schätzen gelernt.
So habe ich das erste Mal Vulkane bestiegen und besucht, war überrascht von dem Gestank, der in keinem Reiseführer wirklich erwähnt wurde, aber auch sehr beeindruckt von den freundlichen Menschen, die so nah an einem Vulkan leben.borobodur1 (Small).jpg

bromo4 (Small).jpgDie brodelnde Masse, die aus der Erde kam beim Dieng-Plateau hat mich genauso beeindruckt, wie die traumhaft weite Aussicht vom Borobodur- tempel, dem Weltkulturerbe bei Yogjakarta.

In Yogjakarta hatte ich das Glück, von einer deutschen, dort lebenden und arbeitenden Krankenschwester, eingeladen worden zu sein und bei ihr zu wohnen. So war ich quasi mittendrin in einer Wohnsiedlung in Yogjakarta und hatte eine gute Zeit mit Ihr und Ihren Schülerinnen - unter anderem auch aus Deutschland. Von Yogja reiste ich dann weiter mit dem Bus über den Bromo in Richtung Bali, wo ich dann auch bald Helge treffen würde.

In Bali waren dann für mich auch die westlichen und touristischen Einflüsse wieder deutlich spürbar und das Reisen - auch alleine als Frau- war wieder wesentlich einfacher und entspannter. Ich traf auch wieder Reisende aus verschiedensten Ländern. Mit einigen bin ich etwas mitgereist, mit anderen habe ich einen netten Abend helgeistda (Small).jpgverbracht oder einfach nur Reisetipps ausgetauscht.
Ich fand es auch einfach nur spannend, die verschiedensten Reisemotivationen und Hintergründe von Reisenden zu erfahren. Sei es, Leute, die einfach einen Platz zum Leben irgendwo auf dieser Erde suchen, andere, die nur mal Surfen wollen, noch andere, die für eine kurze Zeit nur unterwegs sind - so viele Möglichkeiten, Perspektiven und Geschichten, die einem da begegnen - Herrlich!
Bali ist eine traumhafte Insel - Nee, nicht nur Bali…. Auch Lombok, Gili Air und die ganzen Gili Inseln dort…. Ich hätte dort noch auf so viele Inseln fahren können. Es ist einfach nur wunderschön dort. Und ich möchte auf jeden Fall dort noch mal hinfahren und etwas mehr Zeit mitbringen. Es war aber für mich und uns - besonders schön, weil Helge und ich uns dort nach einer ganz schön langen Zeit endlich wieder gesehen haben und wir dort noch glücklich ein paar Wochen gemeinsam einen herrlichen Urlaub genossen haben.